Montag, 5. März 2018

Fundstück Nummer 10: Sonntagsfrühstück mit Tücken

Manchmal gelangt man auf sehr seltsame Weise an Geschichten. Bei mir sollte es gestern so weit sein, dass plötzlich ein ungewöhnliches Fundstück in meinem Rucksack landete – in Form eines Mohnknotens.
Ja, ich weiß, das klingt im ersten Moment wenig spektakulär, aber Vorsicht, manche Dinge brauchen einen kleinen geschichtlichen Handlungsrahmen:

Ich kaufe also jeden Sonntagmorgen bei einem bestimmten Bäcker in der Dresdner Neustadt Brötchen ein. Mir selber gönne ich immer einen Mohnknoten. Doch dieses Mal spürte ich schon bei der Bestellung, dass das, was hinter der Glaswand auf Blechen aufgereiht lag, nicht nur durch eine optische Verzerrung so mickrig aussah. Beim Aufschneiden auf dem heimischen Frühstücksteller entlarvte sich der Mohnknoten tatsächlich als winzig. Und spätestens in diesem Moment fiel mir wie Schuppen von den Augen, dass derartige Szenarien schon mehrfach in der Dresdner Frühstücksgeschichte eine unrühmliche Rolle gespielt haben.

Aus dem zweiten Stadtbuch, das Otto Richter, Gründervater des Stadtmuseums, im vorletzten Jahrhundert für Recherchen nutzte, erfahren wir von solch einer heiklen Begebenheit sehr ausführlich. Mit einer den Dresdner Bäckern offensichtlich angeborenen Trotzigkeit buken diese die Brote und Brötchen – entgegen den strengen Regeln des Rates – in schöner Regelmäßigkeit meist viel zu klein. So klein, das die Backwaren auf den "Schandbänken" neben dem Rathaus landeten. Diese Bänke waren für missratene Lebensmittel gedacht, mit denen sich nur noch die Bettler und Tagelöhner ordentlich die Bäuche vollschlagen durften.
Von Einsicht bei den Bäckern war hingegen nichts zu spüren. Und da ihre Ignoranz bisweilen immer größere Kreise zog, machte der zutiefst erzürnte Rat zum ersten Mal im Jahre 1466 mit ihnen kurzen Prozess: Man sperrte sie allesamt in den Turm am Seetor (heute ungefähr gegenüber dem "Haus des Buches" / Altmarktgalerie). Dort befanden sich die Gefängniszellen für Schuldner.

Aber meint ihr, dieser ordentliche "Schuss vor den Bug" hätte geholfen?
Nun, bei einem kraftvollen Biss in meinen Mohnknoten will ich euch das gern verraten. Denn ihr ahnt es sicher schon: Natürlich wurden die Dresdner Bäcker nicht schlau aus dieser Strafmaßnahme. Im Jahre 1501 sperrte daher der Rat sämtliche Bäcker der Stadt erneut weg und ließ sogar fremde Bäcker aus benachbarten Orten nach Dresden kommen. Dazu schickte man ein besonders hübsches Mädchen über den Marktplatz, welches den Dresdner Bürgern ihre lecker duftenden Brötchen aus einem Korb heraus feilbieten durfte. Wahrscheinlich haben die angeschmierten Dresdner Bäcker dieses Spektakel zähneknirschend durch die Gitterstäbe beobachtet. Pech gehabt!

So, meinen Mohnknoten habe ich jetzt verschlungen – aber satt bin ich natürlich davon nicht geworden. Das habt ihr sicher ebenfalls geahnt.

Diese kleine Alltagsgeschichte darf euch gern bei eurem morgendlichen Gang zum Bäcker begleiten. Schaut daher lieber zweimal hin, bevor ihr die Tüte mit Brötchen im Rucksack verstaut.

Euer Mario