Montag, 20. Juni 2016

Dresdner Geschichte(n): Der Tod läuft mit


Wusstet ihr, dass es seit dem 14. Jahrhundert in ganz Mitteleuropa einen Brauch gab, den man "Tod austreiben" nannte, und dass darum bis heute in der Dresdner Heide viele Wege mit dem Tod im Namen zu finde sind?
Der Brauch des Todaustreibens erhielt seine Bedeutung in der Pestzeit. Da musste der Tod leibhaftig weggebracht werden – und zwar mit Schubkarren, auf denen die weiß gekalkten Toten lagen, die zu Tausenden der Pest zum Opfer fielen.

Am 28. März 1745 machten sich neun Jungen aus dem Ort Radeberg auf den Weg, den Tod auszutreiben. Dazu bastelten sie sich aus Stroh eine menschenähnliche Figur. Diese wurde kräftig geschnürt, bemalt und auch mit Hosen bekleidet. Dann wurde sie auf eine Stange gespießt. Mit diesem Ungetüm zog die Gruppe anschließend durch die Stadt sowie durch die Dresdner Heide und sang Lieder, deren Texte genau vorgeschrieben waren. Ein schauriger Brauch, denn es war damals allgemein bekannt, das derjenige, der beim Laufen als Letzter zurückblieb, im darauffolgenden Jahr sterben würde. Also versuchten die Jungen durch ihren wilden Gesang die Angst zu übertönen und näherten sich einer sumpfigen Grube im Wald, die das Ziel ihrer Reise war. Gemeinsam warfen sie die Strohpuppe hinein und kehrten sofort um. Nun galt es, möglichst nicht als Letzter durch den Wald zu stolpern.

Unterwegs fand einer der Jungen eine willkommene Walddelikatesse: wilde Möhren. Er gab jedem etwas von seinem Proviant ab und erklärte, dass sie nun noch schneller laufen könnten. So kamen sie unbeschadet und erleichtert wieder in Radeberg an. Doch kaum zu Hause, klagten einige der Jungen über Bauchschmerzen. Sie spuckten Blut und fingen wie wild an zu zucken. Knapp drei Stunden später waren die ersten vier Jungen tot. Einer überlebte den Abend, starb aber am darauffolgenden Tag. Drei Jungen, denen man eine Medizin verabreichte, überlebten den ganzen Spuk unter heftigen Schmerzen. Nur einer ging vollkommen unbeschadet aus der Geschichte hervor: Er hatte nichts von den Möhren gegessen. 

Es dauerte nicht lange, da entdeckten pflanzenkundige Erwachsene, dass die vermeintlichen Möhren in Wirklichkeit hochgiftiges Schierlingskraut gewesen waren.
Seit jener Zeit verbot die Kirche den absonderlichen Brauch des Todaustreibens. Und einige Wege sowie auch die Ullersdorfer Mühle bekamen zur Erinnerung und Abschreckung Namen wie "Totenmühle" oder "Todweg".


Mehr "grauenerregende" Geschichte(n) sind ab sofort im zweiten Band meiner Buchreihe "Dresden zum Gruseln" nachzulesen (überall im Buchhandel erhältlich).


ISBN: 978-3-938932-46-9
Mit Illustrationen von Thomas Zahn
Altersempfehlung: ab 12 Jahren
 
Euer Mario


Dienstag, 14. Juni 2016

Ab mit dem Kopf!


Am letzten Samstag folgten mein Freund und Kollege, der "Dresden zum Gruseln"-Illustrator Thomas Zahn, und ich einer Lesungseinladung ins von außen eher "verschlafen" wirkende "Backhaus" in der Dresdner Friedrichstadt.
Aber der äußere Schein trog: Im "Backhaus", jenem betagten Gebäude, dessen Mauern ebenfalls die tollsten Geschichten zu erzählen hätte, fanden sich etwa zwanzig hochinteressierte Freunde des "scharf geschliffenen" Wortes und so mancher düsterer Story aus den Chroniken Dresdens zusammen. Züngelnde Flammen in einer Feuerschale inklusive …













Mit viel Liebe zum Detail war der Abend vorbereitet worden, sodass er den Aufmacher "Grusel-Lesung" mehr als verdiente. Gerade deshalb passten die morbiden Geschichten um die Dresdner Scharfrichter, die Erfindung einer alles verändernden Tötungsmaschine beim Musizieren und natürlich auch das Modell eines steinernen Galgens, an dem Thomas – alias Scharfrichter Melchior Wahl – wochenlang mit Hammer und Kleber gewerkelt hatte, besonders gut dorthin.













Mehr als eine Stunde lang holten wir alles Blutige zwischen den Buchdeckeln hervor, was eigentlich noch bis März 2017 auf seine Befreiung warten müsste, da es erst dann im Dresdner Buchverlag unter dem Titel "Vom Hängen und Würgen – Dresdens schaurige Geheimnisse" erscheinen wird. Doch natürlich ließ es sich der Dresdner Scharfrichter mit seiner markanten roten Strumpfhose schon heute nicht nehmen, über die Eigenarten und die schier artistischen Fähigkeiten seiner Zunftgenossen zu berichten.

Als Team aus Autor und Illustrator war es uns zudem eine ganz besondere Freude, den erst vor drei Wochen erschienenen zweiten Band meiner Buchreihe "Dresden zum Gruseln“" (Alwis Verlag Dresden) vorzustellen.
Das Publikum war begeistert und auch ich möchte mich an dieser Stelle bei allen bedanken, die dafür gesorgt haben, dass dieser Lesungsabend einfach rundum gelungen war.



Donnerstag, 2. Juni 2016

Der Galgenberg von Dohna


Vor einigen Wochen hatte ich im Heimatmuseum Dohna einen Termin mit Frau Lohberg, der Museumsleiterin. Mein Anliegen war vielleicht etwas anders als das der meisten Leute, die ins Museum gehen und etwas über die Dohnaer Burggrafen wissen wollen. Denn ich interessierte mich ausschließlich für die Fälle von Hinrichtungen auf dem nahe gelegenen Galgenberg, der bereits von den Dohnaer Burggrafen genutzt worden sein soll. Nach allen zur Verfügung stehenden Chroniken und alten Handschriften handelte es sich bei dem einstigen Galgenberg um eine geologische Erhebung, die heute "Kahlebusch" genannt wird und die eine Fundgrube für so manche kleine Muschel aus der Kreidezeit ist (natürlich verboten!). Der Kahlebusch ist allerdings in den zurückliegenden Jahrhunderten für den Straßenbau stark abgebaggert worden, sodass seine einstigen Ausmaße heute nur noch schwer abzuschätzen sind.
Wenn die Dohnaer Burggrafen für drei Jahrhunderte den gesamten Elberaum bis zum Dresdner Gau Nisan beherrschten und sogar die hohe und niedere Gerichtsbarkeit innehatten, dann stellte sich für mich eine entscheidende Frage: Wo wurden all die Verbrecher, Diebe, Mörder, Kirchenräuber und Wegelagerer hingerichtet?
In den alten Chroniken werden gelegentlich zwei Galgen beschrieben, sogar im nahe gelegenen Köttewitz. Aber natürlich war und ist der Kahlebusch genau solch eine Art von Hügel, auf dem ich als Burggraf selbst den Galgen errichten würde, da dieser so von überall gut zu sehen wäre.

Kahlebusch
Meine Frage an die Museumsleiterin Frau Lohberg war deshalb: Wurden jemals archäologische Grabungen am Galgenberg bzw. am Kahlebusch durchgeführt? Und müssten da nicht wenigstens ein paar Knochen zu finden sein? Denn wir wissen ja, die Gehenkten blieben dort in ungeweihter Erde am Galgen liegen. Niemand hatte ein gesteigertes Interesse daran, diese auf dem Friedhof zu begraben. Was also könnte man dort noch finden, nähme man einmal einen Spaten in die Hand? Und vor allem: Müssten die Hinrichtungen dort nicht auch dokumentiert worden sein? Oder verschwanden mit der Vertreibung der Burggrafen im Jahre 1402  auch sämtliche Schriftstücke, Urkunden und Dokumente?
Dagegen spricht, dass das Schöppengericht noch eine ganze Weile in Dohna weiterexistierte und auch die Wohngebäude auf dem zerstörten Burggelände waren noch wenigstens bis zum 15. Jahrhundert bewohnt. Rätsel über Rätsel … Aber genau da fängt ja der Spaß erst an – wenn alles so richtig schön verworren scheint.

Frau Lohberg führte mich schließlich zu ihrem "Heiligtum" – einem uralten Bücherschrank. Und es dauerte nur wenige Minuten, bis aus dem Regal ein kleines Büchlein herausrutschte. Aus dem Augenwinkel fiel mir sofort ein Name auf, der auf dem Deckel stand und den ich kannte. Ich griff neugierig nach dem gut erhaltenen, handgeschriebenen Buch, das sehr feste Seiten enthielt, fast schon wie aus Pappe. 

Der Name "Krell" war es, der mir auffiel und mich stutzig machte. Und die Jahreszahl 1601. Sollte es sich hier etwa um eine Schrift über die Hinrichtung des Dresdner Kanzlers und Hofrats Nikolaus Krell handeln, jenes von der Kurfürstinwitwe Sophie von Sachsen (einer orthodoxen Lutheranerin) so verhassten Calvinisten, der nach zehnjähriger Festungshaft in Königstein im Oktober 1601 als altersschwacher Mann auf einem Stuhl zum Schafott auf dem Dresdner Neumarkt getragen werden musste, wo er vom damaligen Scharfrichter Kunz Polz enthauptet wurde?
Doch was suchte eine derartige Handschrift ausgerechnet in Dohna? Hatte Dohna damit etwas zu tun? Und wieso führte mich eine Dresdner Hinrichtung eigentlich schon wieder in diese Stadt?
Oh, die Sache begann sehr nach Abenteuer zu riechen! Mir kribbelte es bereits in den Fingern.














Fortsetzung folgt ...