Montag, 22. Januar 2018

Fundstück Nummer 4: Schief gewickelt

Was ist eine "Haspel"?
An dieser Stelle sind wir ja letztens durch den Ski World Cup in Dresden ausgebremst worden.

Im Grunde handelt es sich bei einer Haspel um ein meist hölzernes Gerät, das Garne, Seile, Stricke oder Fäden aufwickelt. Der Verwendungszweck spielt dabei eine wichtige Rolle, denn auch im Bergbau sorgte eine Haspel für das Hinab- und Hinaufziehen von Werkzeugen, Wasser oder Schutt aus tieferen Grubenschächten. Archäologen fanden derartige Haspeln beispielsweise in Dippoldiswalde, wo über Jahrhunderte massiv Silber und Zinn abgebaut wurde. Diese Haspeln sind quasi Sensationsfunde, wobei man wohl eher davon ausgehen kann, dass nur Archäologen bei solch einer Info ausflippen, selten "normale" Museumsbesucher.


Annie Renouf Whelpley "Frauen in der Webstube" (1893)
"Haspel" nennt man aber auch jenes Gerät, das den Faden beim Garnen aufnimmt, damit kein wildes Durcheinander entsteht. Garne und Seile wollen nämlich ordentlich aufgewickelt werden. Das Schlimmste für Seilhersteller ist ja ein wirrer Seilsalat. Außerdem wird dem verhassten "Seilkrangeln" vorgebeugt, vor allem bei etwas steiferen Seilen, die in eine bestimmte Richtung tendieren und sich beim Falsch-Aufwickeln ("Bist du etwa falsch / schief gewickelt?") gerne mal wie von Geisterhand spiralförmig eindrehen oder sonstigen Unsinn machen. Kletterer drehen bei gekrangelten Seilen schlichtweg durch.

Die wichtigste Funktion einer Haspel kommt jedoch dem genauen Abmessen zu, wenn gute Garn- oder Seilwaren auf dem Markt verkauft werden sollten. Handhaspeln wiesen hierzu unterschiedliche Aufwickelmaße auf. Bei einer Umwicklung konnte zum Beispiel eine Armlänge oder zwei Armlängen erreicht werden. Ein Käufer wollte ja eine ganz bestimmte Länge kaufen, kein Schätzmaß. Andererseits wollte sich der Seiler auch nicht selbst betrügen, indem er mehr Ware herausgab, als eigentlich bezahlt. Durch das festgelegte Maß der Haspel konnte daher sehr genau die gewünschte Länge auf- oder abgespult werden. Nur wer sich ablenken ließ, hatte sich unglücklicherweise "verhaspelt".

Wollte man seinen Kunden in solch einer Situation nicht betrügen, musste man von vorne anfangen. Beim Betrügen durfte man sich aber auf keinen Fall erwischen lassen, denn im Mittelalter konnte dies den Ausschluss aus der Zunft bedeuten. Schlechte Handwerker oder Betrüger hatten einen ganz miesen Stand. Wir wissen das beispielsweise von den geschlitzten Ohren pfuschender Zimmerleute oder der sogenannten "Bäckertaufe" (Eintauchen des in einem Korb sitzenden Betrügers in den Stadtgraben oder eine Jauchegrube – Zuschauer waren ausdrücklich erwünscht) bei Bäckern, die die Brötchen zu klein buken. In Dresden hatte man sogar einst sämtliche Bäcker in den Turm am Seetor (heute Höhe Altmarktgalerie) eingesperrt. Bei so etwas war man erfindungsreich und selten zimperlich.

Euer Mario

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