Montag, 8. Januar 2018

Fundstück Nummer 2: "Nicht verhaspeln!"

Redewendungen sind heutzutage oft die einzigen Überbleibsel mittelalterlichen Alltags. Sie verraten uns Details über das geheimnisvolle Leben der Menschen vor ca. 600 Jahren. Sie beschreiben auf besondere Art den knochenharten Job jener Zeit, den Alltagsfrust, den Ärger mit nervigen Nachbarn oder aber auch so manche Raffinesse. Eigentlich sind sie eine Art Geheimsprache. Wer sich mit Haut und Haar auf das Abenteuer ihrer Entschlüsselung einlässt, kann als Sprachdetektiv zwischen den Zeilen tatsächlich lebendige Geschichte einatmen.

Bei meinen Exkursionen als Seiler verwende ich mehr als 23 Redewendungen zur Bedeutung des mittelalterlichen Seilerhandwerks. Wortgebilde wie "Etwas hängt am seidenen Faden", "Da beißt die Maus keinen Faden ab" oder "Das geht mir über die Hutschnur" machen das Mittelalter für einige Momente wieder lebendig. 

Kaum ein Bereich des mittelalterlichen Alltags kam ohne das Seilerhandwerk aus. Garne, Fäden, Seile, Kordeln – überall wurde das gebraucht. Selbst der Henker benötigte handwerklich einwandfrei gedrehte Hanfseile, und mitunter stellte er diese sogar selber her.

Meine Generation ist noch mit den oben erwähnten Sprachmysterien aufgewachsen. Als Kind ergaben diese zwar noch nicht unbedingt einen Sinn, dafür später umso mehr. "Moderne" Jugendliche hingegen können heute leider meist nichts mehr damit anfangen, wenn man jemanden zu "umgarnen" versucht oder wenn einer dem anderen „den Lebensfaden durchschneidet“. Deshalb ergeht hier unser Aufruf an euch, die ihr noch einen Sinn für nostalgische Wort-Schätze habt: Benutzt mehr Redewendungen, wenn eure Kids in der Nähe sind! Redewendungen bereichern nicht nur unsere Sprache, sondern sind auf ihre Art ebenfalls Experimentelle Archäologie.
Besser, wir ziehen da alle an einem Strang, richtig?

Ach so: Ihr wollt endlich wissen, was eine Haspel ist?
Geduld, Geduld! Dazu kommen wir später noch.

Euer Mario



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